Dokumente Ansprache von Kardinal Dario Castrillon Hoyos, Basilika Santa Maria Maggiore, dem 24. Mai 2003

Zurück zum Überblick

Gelobt sei Jesus Christus!

Heute wenden sich in dieser Patriarchenbasilika Santa-Maria-Maggiore unsere gläubigen Blicke drei Gestalten zu: der Allerseligsten Jungfrau Maria, dem Petrus unserer Zeit und dem Hl. Pius V.

1. Maria, die Heilige Mutter Gottes
Blicken wir zuerst auf die Allerseligste Jungfrau Maria, die Mutter Gottes, die Theotokos. Die göttliche Vorsehung hat uns in dieser Basilika, der ersten Marienkirche Roms und des Westens, zusammengeführt: Katholiken aus verschiedenen Teilen der Welt, vereint im selben Glauben. Wir wenden uns an Dich, Mutter Gottes, und schätzen uns glücklich, daß wir uns im Jahr des Rosenkranzes, das der Heilige Vater ausgerufen hat, in Deinem Heiligtum versammeln dürfen.

Salve, sancta Parens, enixa puerpera Regem, qui caelum terramque regit in saecula saeculorum (Sei gegrüßt, heilige Mutter, die du geboren den König, der über Himmel und Erde in alle Ewigkeit herrscht !).

Alles in diesem heiligen Gotteshaus spricht über ein Geheimnis zu uns: Gottes Wort hat im Schoße der Jungfrau Maria Fleisch angenommen. Sie erscheint uns hier im Lichte ihrer ständigen Verbindung mit dem erhabenen Geheimnis der Dreifaltigkeit. Der Vater, der in seinem Heilsratschluß seinen Sohn in die Welt senden wollte, bittet Maria von Nazareth um ihre Einwilligung und Zustimmung. Sie empfängt vom Heiligen Geist und wird zur Arche des Neuen Bundes, zum goldenen Heiligtum. Und das Wunder geschieht: ecce concipies in utero et paries filium et vocabis nomen eius Iesum (siehe du wirst empfangen und einen Sohn gebären und ihm den Namen Jesus geben). Von Maria nimmt das ewige Wort Fleisch an (vgl. Lk 1,30-38).

Aber dieses Gotteshaus versetzt uns nicht nur im Geiste nach Bethlehem, diesem "Et incarnatus est" unseres Glaubensbekenntnisses, an das uns die „Confessio“ unter diesem Altar mit ihren Reliquien der Krippe, die hier verehrt werden, ständig erinnert. Diese Basilika verweist uns auch auf unsere gemeinsame Hoffnung der Auferstehung und Seligkeit. Man betrachte nur das leuchtende Mosaik der Apsis: Maria, von der Verkündigung bis zu ihrer glorreichen Aufnahme in den Himmel.

Es ist die ganze Existenz der Allerseligsten Jungfrau Maria, die der betenden Betrachtung des Gläubigen dargestellt wird. Es ist das Geheimnis unser eigenen Existenz, das hier einen Ausdruck findet.

Tatsächlich war ein Grundanliegen des Zweiten Vatikanischen Konzils, in Kontinuität mit der ganzen Tradition der Kirche, der innere Zusammenhang zwischen der Allerseligsten Jungfrau Maria und der Kirche, deren ausdruckstärkste Ikone sie ist. Das achte Kapitel der dogmatischen Konstitution Lumen gentium ist der „Allerseligsten Jungfrau Maria, der Mutter Gottes im Geheimnis Christi und der Kirche“ gewidmet.

„Als wahre Mutter Gottes und des Erlösers anerkannt und geehrt“, ist sie auch „die bevorzugt geliebte Tochter des Vaters und das Heiligtum des Heiligen Geistes“, und gleichzeitig  „einzigartiges Glied der Kirche wie auch ihr Typus und klarstes Urbild im Glauben und in der Liebe, und die katholische Kirche verehrt sie, vom Heiligen Geist belehrt, in kindlicher Liebe als geliebte Mutter“ (Lumen gentium, Nr.53).

So zeigt uns das Konzil die Allerseligste Jungfrau Maria in ihrer Teilnahme an den täglichen Wechselfällen der Kirche und jedes ihrer Glieder. Zu jeder Zeit antwortet sie auf unsere Liebe zu ihr: sie ist die Hilfe der Christen. In ihr können wir die ganze Schönheit der Kirche betrachten, wie sie im göttlichen Herzen ihres Gründers erdacht und geboren wurde, denn bei ihm ist alles Licht und keinerlei Schatten. Letztere entspringen im Lauf der Geschichte der menschlichen Natur ihrer Glieder, der armen Sünder, die stets der Umkehr und des Heils bedürfen.

2. Der Nachfolger Petri
Die zweite Gestalt, die uns heute nachdrücklich vor Augen geführt wird, ist der Heilige Vater, der Bischof von Rom, und als solcher der Nachfolger des Hl. Petrus. Er ist, wie es das Zweite Vatikanische Konzil in Kontinuität mit dem Ersten Vatikanischen Konzil lehrt, „das beständige und sichtbare Prinzip und Fundament der Einheit der Bischöfe wie des gläubigen Volkes“ (Lumen gentium, 23; vgl. Vaticanum I, Konst. Pastor Aeternus,  DH 3050-3051).

Im tosenden Meer der Geschichte ist er „der Fels“. Diesen aramäischen Ausdruck verwendet der göttliche Stifter der Kirche für Simon, wie uns das 16. Kapitel des Matthäusevangeliums berichtet. Um jedoch besser verstehen zu können, was uns Christus mit „Fels“ sagen will, müssen wir den Anfang des siebten Kapitels desselben Evangeliums lesen. Für Jesus ist der Fels das Fundament: wenn das Gebäude darauf ruht, dann kann ihm auch der wildeste Sturm nichts anhaben. Aus diesem Zusammenhang erklärt sich der Name Petrus: der Stein ist beständig, widerstandsfähig, fest, solide und stark.

Mit der ihn auszeichnenden Wortgewalt lehrte der hl.Papst Leo der Große: „Es bleibt die Anordnung der Wahrheit bestehen, und der selige Petrus, in der empfangenen Stärke des Felsens beharrend, verläßt nicht die ihm anvertraute Leitung der Kirche. So nämlich ist er vor den anderen mit einem Amt betraut worden, daß, wenn er Petrus genannt wird, wenn er öffentlich als Fundament bezeichnet wird, wenn er als Pförtner des Himmelreiches eingesetzt wird, wenn er als Schiedsrichter mit der Gewalt des Lösens und Behaltens ausgezeichnet wird, wobei das Maß seiner Urteile auch im Himmel bestehen bleibt, wir durch diese geheimnisvollen Bennennungen  erkennen können, von welcher Art die Gemeinschaft ist, die ihn mit Christus verbindet“ (Sermo 3).

Auf unseren geliebten Papst Johannes Paul II. richten sich unsere Gedanken, Gebete und unsere feste und liebevolle Gesinnung für die kirchliche Einheit. Im Laufe dieser 25 Jahre waren sein Leben und die Ausübung des höchsten apostolischen Amtes geprägt von der unermüdlichen Verteidigung der Wahrheit, des unermüdlichen Einsatzes für die Einheit der Kirche und des prophetischen und mutigen pastoralen Wirkens für die Ausbreitung des wahren und gerechten Friedens unter den Völkern und allen Menschen. Je zerbrechlicher sein Körper erscheint, um so stärker zeigt sich vor der Welt seine sittliche und geistige Aufgabe: „Und du stärke deine Brüder“ (Lk. 22, 32).

Wir sind uns mehr denn je der Stürme und Herausforderungen bewußt, denen  der Mystische Leib Christi ausgesetzt ist. Dies gehört zum Geschick der Kirche, die in ihrem Wesen göttlich, in ihren Gliedern menschlich ist. Wir leiden an den vielen Widersprüchen, welche die menschliche Natur und die Sünde der leidvollen Geschichte unserer Menschheit und der zum ewigen Vaterland pilgernden Kirche auf ihrem Weg zufügen können. Aber wir sind aufgefordert, unser Vertrauen auf den Herrn der Geschichte beständig zu erneuern, denn Er ist Gründer und unsichtbares Haupt  seines mystischen Leibes: „Fürchtet euch nicht... Ich habe die Welt besiegt“ (Jo 16, 33).

Siegreich ist die Kirche durch den dauernden Beistand des Heiligen Geistes, des Garanten für den Fortbestand des katholischen Glaubens: „und die Pforten der Hölle werden sie nicht überwältigen“ (Mt.16, 18). Siegreich, weil uns in den Sakramenten die Gnade, die umwandelt  und heilig macht, gewährleistet ist.  Siegreich ist die Kirche, weil sie auf dem Felsen Petri errichtet ist, und dieser ist kein anderer als der Felsen Christi. Siegreich, weil die Einheit mit den legitimen Hirten die Eigenschaft der Katholizität garantiert, welche unverzichtbar ist, um in der mystischen Gemeinschaft des Leibes Christi zu verbleiben. Siegreich ist die Kirche in ihren Heiligen: wie zahlreich und ausdruckstark sind doch die Gestalten erhabener Heiligkeit, mit denen der Heilige Vater in diesem Vierteljahrhundert seines Pontifikats das Buch der Heiligen erweitert und die er uns als Vorbilder gegeben hat!

„Duc in altum!“ (Fahre hinaus) ruft Johannes Pauls II. und in ihm erschallt der Ruf des Guten Hirten selbst. „Ihr Kleinmütigen, warum zweifelt ihr?“, “Werft eure Netze zum Fang aus... Duc in altum!“ Und der Fang wird überreich sein (vgl. Lk. 5, 4).

„Duc in altum!“ Wir wollen in See stechen, im Schiff des Petrus. Mit Leo dem Großen wollen wir unseren Glauben bekräftigen: „Jene Festigkeit, die er von dem „Felsen Christus“ empfing, indem er selbst zum „Felsen“ wurde, pflanzte sich auch auf seine Erben fort…“ (Leo der Große, Sermo V). Sagen wir es mit dem Hl. Hieronymus: „Ich will keinem anderen Primat untertan sein als jenem Christi ; und deshalb verbinde ich mich mit dem Stuhl Petri“ (Epistola ad Damasum).

Wir sind hier, um mit Maria, der „Hilfe der Christen“, zu  beten,  um den Stellvertreter Christi  mit der Wärme unserer Zuneigung zu umgeben, und wir tun dies mit mächtigsten Wirklichkeit, die es gibt: dem heiligen Meßopfer, in dem sich „das Werk unserer Erlösung vollzieht“ (Conc. Vat. II, Const. Sacrosanctum Concilium, nr. 2). Eine absolut allmächtige Realität, insofern sie auf unblutige Weise das einzige Kreuzesopfer erneuert und substanziell Leib und Blut Christi gegenwärtig setzt. Der einzige Erlöser stellt dar und läßt in der Heiligen Messe beständig  wirksam werden die unendliche Frucht des blutigen Kreuzesopfers, das für die Erlösung von unseren Sünden dargebracht wurde.

3. Der ehrwürdige Ritus  Pius V.
Ein von der Vorsehung gelenktes Zusammentreffen mehrere Umstände läßt uns heute das göttliche Opfer nach dem römischen Ritus feiern, wie er sich im Meßbuch findet, das nach dem hl.Pius V. benannt ist, dessen sterbliche Überreste eben in dieser Basilika ruhen. Hier haben wir die dritte Gestalt, die in unserer Feier anwesend ist.

Sie, liebe Gläubige, hegen eine besondere Liebe zu diesem Ritus, der Jahrhunderte lang die offizielle Gestalt der römischen Liturgie gewesen ist. Sie haben die Initiative für die heutige Meßfeier ergriffen, und ich habe mich gefreut, dieser Bitte genügen zu können, die bei weitem Ihre Zahl übertrifft, denn sie stammt aus der kindlichen Anhänglichkeit an den heiligen Vater, dessen Jubiläum wir bald feiern dürfen, sowie um die Früchte der Heiligkeit anzuerkennen, die das christliche Volk durch die nach diesem Ritus gefeierte hl. Eucharistie erhalten hat.

Der sogenannte Ritus des hl.Pius V. darf nicht als ausgelöscht betrachtet werden, und die Autorität des Heiligen Vaters hat sein Wohlwollen ausgedrückt gegenüber jenen Gläubigen, die den nach den Vorgaben den Zweiten Vatikanischen Konzils erneuerten römischen Ritus anerkennen,  aber dennoch dem früheren Ritus verbunden bleiben und in ihm reiche geistliche Nahrung auf ihrem Weg zur Heiligkeit finden. Übrigens erklärte selbst das Zweite Vatikanum, „daß die heilige Mutter Kirche allen rechtlich anerkannten Riten gleiches Recht und gleiche Ehre zuerkennt. Es ist ihr Wille, daß diese Riten in Zukunft erhalten und in jeder Weise gefördert werden, und es ist ihr Wunsch, daß sie, soweit es not tut, in ihrem ganzen Umfang gemäß dem Geist gesunder Überlieferung überprüft und im Hinblick auf die Verhältnisse und Notwendigkeiten der Gegenwart mit neuer Kraft ausgestattet werden“ (Conc. Oecum. Vaticanum II, Const. Sacrosanctum Concilium, n. 4).

Der alte römische Ritus bewahrt also in der Kirche sein Bürgerrecht mitten in der Vielgestaltigkeit der katholischen Riten, der lateinischen wie orientalischen. Was diese verschiedenen Riten miteinander eint, ist derselbe Glaube an das eucharistische Geheimnis, dessen Bekenntnis immer die Einheit der heiligen, katholischen und apostolischen Kirche sichergestellt hat.

Johannes Paul II. mahnte anläßlich der Feier des zehnjährigen Bestehens des Motu proprio „Ecclesia Dei“, „alle Katholiken, Zeichen der Einheit zu setzen, und ihre Bindung an die Kirche zu erneuern, damit die legitime Vielfalt und die verschiedenen Empfindungsweisen, die der Achtung würdig sind, die Menschen nicht voneinander trennen, sondern sie dazu anzutreiben, gemeinsam das Evangelium zu verkünden.“ „So werden sie“, fuhr der Heilige Vater fort, „angetrieben von dem Geist, der alle Charismen zur Einheit zusammenführt, alle den Herrn verherrlichen können, und das Heil wird allen Nationen verkündet werden“ (OR vom  26.-27. Oktober 1998, S. 8).

Das alles ist uns ein Anlaß, dem Heiligen Vater dankbar zu sein. Seien wir von Herzen dankbar für sein besonderes und väterliches Verständnis für diejenigen, die den Reichtum dieser ehrwürdigen Liturgie in der Kirche lebendig erhalten wollen; sie nährte seine Kindheit und Jugend, sie war die Liturgie seiner Priesterweihe, seiner Primizmesse, seiner Bischofsweihe, und sie hat also Anteil an seinen schönsten geistlichen Erinnerungen.

Ich weiß, Sie sind dem Heiligen Vater überaus dankbar für die Einladung, die er an die Bischöfe der ganzen Welt gerichtet hat, „Verständnis und erneuerte pastorale Aufmerksamkeit den dem alten Ritus verbundenen Gläubigen zuzuwenden und, an der Schwelle zum dritten Jahrtausend, allen Katholiken zu helfen, die Feier der heiligen Geheimnisse mit einer Andacht zu leben, die wirkliche Nahrung für ihr geistiges Leben und Quelle des Friedens ist“ (OR vom 26.-27. Oktober 1998, S.8).

Diese Andacht muß nach den Worten des Aquinaten die höchstmögliche sein, „propter hoc quod in hoc sacramento totus Christus continetur“ (weil in diesem Sakrament der ganze Christus enthalten ist, S.Th., III q. 83 a.4, ad 5).

Wir sind alle zur Einheit in der Wahrheit gerufen, in der gegenseitigen Achtung gegenüber den verschiedenen Ansichten, auf der Grundlage desselben Glaubens, indem wir „in eodem sensu“ (im selben Sinn) vorwärtsschreiten  und uns an den Spruch des Hl. Augustinus erinnern: „In necessariis unitas, in dubiis libertas, in omnibus caritas“ (im Notwendigen die Einheit, im Zweifelhaften die Freiheit, in allem die Liebe).

In Ihrer aller Namen und all jener, die sich mit uns heute bei dieser Feier verbinden, wiederhole ich zusammen mit der Heiligen Kirche die Bitte an die Heiligste Dreifaltigkeit, die uns Maria als Helferin gegeben hat: „concede propitius, ut, tali praesidio muniti certantes in vita, victoriam de hoste maligno consequi valeamus in morte“ (gewähre uns gnädig, daß wir, durch einen solchen Schutz während unseres Kampfes im Leben behütet, in unserem Tod den Sieg über den bösen Feind zu erringen vermögen, Missale Romanum, Tagesgebet).

Gelobt sei Jesus Christus!

 

Zurück zum Überblick