Geistliches Jahr des Rosenkranzes

Das Jahr wurde von Papst Johannes Paul II als das "Jahr des Rosenkranzes" deklariert (Apostolisches Schreiben "Rosarium Virginis Mariæ" vom 16. Oktober 2002), und dauert von Okt. 2002 - Okt. 2003. Wir werden regelmäßig einen Artikel über den Rosenkranz bringen, der von zahlreichen Heiligen geliebt und von der Kirche empfohlen wurde.

September - Oktober 2003

Rosenkranz und Kontemplation

Juli - August 2003

Papst Leo XIII. und der Rosenkranz

Mai - Juni 2003

Enzyklika von Papst Pius XII: Ingruentium Malorum

März - April 2003

Die Schlacht von Lépanto und der Rosenkranz

Januar - Februar 2003

Das Ave Maria

November - Dezember 2002

Die Geschichte des Rosenkranzes

September - Oktober 2003: Rosenkranz und Kontemplation

Maria, Vorbild der Kontemplation
10. Die Betrachtung Christi hat in Maria ihr unübertreffliches Vorbild. Das Antlitz des Sohnes gehört in besonderer Weise zu ihr. In ihrem Schoß hat er Gestalt angenommen und von ihr ein menschlich ähnliches Aussehen empfangen, das eine sicher noch größere geistliche Verbundenheit mit sich bringt. Niemand hat sich mehr als Maria der Betrachtung des Antlitzes Christi mit gleicher Beharrlichkeit hingegeben. Die Augen ihres Herzens richten sich in gewisser Weise schon bei der Verkündigung auf ihn, als sie ihn durch das Wirken des Heiligen Geistes empfängt. In den folgenden Monaten beginnt sie, seine Gegenwart zu spüren und seine Züge zu erahnen. Als sie ihn schließlich in Bethlehem zur Welt bringt, sind auch die Augen ihres Leibes zärtlich auf das Angesicht des Sohnes gerichtet, den sie in Windeln wickelte und ihn in eine Krippe legte« (vgl. Lk 2, 7).
Von jetzt an wird ihr Blick, der immer mehr anbetendem Staunen gleicht, nicht mehr von ihm weichen. Es wird zuweilen ein fragender Blick sein, wie beim Ereignis der Wiederauffindung im Tempel: »Kind, wie konntest du uns das antun?« (Lk 2, 48). In jeden Fall wird es ein durchdringender Blick sein, der fähig ist, im Innersten Jesu seine verborgenen Gefühle wahrzunehmen und seine Absichten zu erahnen, wie in Kana (vgl. Joh 2, 5). Andere Male wird es ein schmerzlicher Blick sein, vor allem unter dem Kreuz, wo es wieder in gewissem Sinn der Blick der ,,Gebärenden“ sein wird, da Maria sich nicht darauf beschränkt, das Leiden und den Tod des Eingeborenen mitzuvollziehen, sondern im Lieblingsjünger (vgl. Joh 19, 26-27) den neuen Sohn aufzunehmen. Am Ostermorgen wird es ein strahlender Blick in der Freude der Auferstehung sein, und schließlich am Pfingsttag ein durch die Ausgießung des Geistes (vgl. Apg 1, 14) glühender Blick.

Die Erinnerungen Mariens
11. Maria lebt mit den Augen auf Christus gerichtet und macht sich jedes seiner Worte zu eigen: »Sie bewahrte alles, was geschehen war, in ihrem Herzen und dachte darüber nach« (Joh 19, vgl. 2, 51). Die Erinnerungen an Jesus, die sich ihrer Seele einprägten, haben sie in allen Umständen begleitet, indem sie die verschiedenen Momente ihres Lebens, die sie an der Seite Jesu verbrachte, in Gedanken nochmals durchlief. Diese Erinnerungen bildeten, in gewisser Weise, den ,,Rosenkranz“, den sie selbst unaufhörlich in den Tagen ihres irdischen Lebens wiederholte.
Und auch jetzt, inmitten der Freudengesänge des himmlischen Jerusalems, bleibt der Grund ihres Dankes und ihres Lobes unverändert. Dieser Grund regt ihre mütterliche Sorge für die pilgernde Kirche an, in der sie fortfährt, die Handlung ihrer Geschichte als Verkündigerin zu entfalten. Maria legt den Gläubigen nochmals unaufhörlich die ,,Geheimnisse“ ihres Sohnes vor, mit dem Wunsch, daß sie betrachtet werden, auf daß sie ihre erlösende Kraft ausströmen können. Beim Beten des Rosenkranzes kommt die christliche Gemeinde mit dem Andenken und dem Blick Marias in Einklang.

Der Rosenkranz, ein betrachtendes Gebet
12. Gerade aus der Erfahrung Marias ist der Rosenkranz ein ausgesprochen kontemplatives Gebet. Wenn es diese Dimension entbehrt, würde ein entstelltes Gebet entstehen, wie Paul VI. unterstrichen hat: »Ohne Betrachtung ist der Rosenkranz ein Leib ohne Seele, und das Gebet läuft Gefahr, zu einer mechanischen Wiederholung von Formeln zu werden, ganz im Widerspruch zur Mahnung Jesu: ,,Wenn ihr betet, sollt ihr nicht plappern wie die Heiden, die meinen, sie werden nur erhört, wenn sie viele Worte machen“ (Mt 6, 7). Seiner Natur nach verlangt das Rosenkranzgebet einen ruhigen Rhythmus und ein besinnliches Verweilen, was dem Betenden die Betrachtung der Geheimnisse im Leben des Herrn erleichtert und diese gleichsam mit dem Herzen derjenigen schauen läßt, die dem Herrn am nächsten stand. So werden sich ihm die unergründlichen Reichtümer dieser Geheimnisse erschließen«.
(Johannes Paul II in "Rosarium Virginis Mariæ", 16. Oktober 2002) 

Juli - August 2003: Papst Leo XIII. und der Rosenkranz

Papst Leo XIII. kennt man besonders, weil er die Soziallehre der Kirche weiterentwickelt hat, aber wenige Menschen erinnern sich noch daran, daß er einst der Papst des Rosenkranzes genannt wurde. In einer Epoche, in der sich  „alle Übel vermehren, um die Kirche unter ihrem Gewicht zu zermalmen“, suchte Leo XIII. Zuflucht bei jener Andachtsform, die in der Vergangenheit reiche Früchte getragen hat. Er faßte den Entschluß, den Rosenkranz des Hl. Dominikus und des heiligen Papstes Pius V. den Katholiken wieder an Herz zu legen.

Deshalb traf er in seiner Enzyklika vom 1. September die „Anordnung, in der ganzen katholischen Welt solle das kommende Fest Unserer Lieben Frau vom Rosenkranz mit einer ganz besonderen Andacht und der ganzen Feierlichkeit unseres Kultes gefeiert werden: vom 1. Oktober bis zum 2. November sollen in allen Pfarrkirchen mindestens fünf Gesetzchen des Rosenkranzes und danach die Lauretanische Litanei andächtig gebetet werden“.  In einem Breve vom 24. Dezember 1883 brachte der Heilige Vater seine Freude zum Ausdruck, daß das katholische Volk seinen Anordnungen überall so gut Folge geleistet habe. Er forderte dazu auf, nicht nachzulassen. Am 30. August 1884 erneuerte er für den Monat Oktober die Dekrete des vorangegangenen Jahres. „Weil die Erbitterung der Feinde des Christentums so groß ist, darf die Standhaftigkeit und Energie ihrer Verteidiger nicht weniger entschlossen sein …“ Und am 20. August 1885 ordnete ein Dekret der Heiligen Kongregation für die Riten an, jedes Jahr so fortzufahren, „solange für die Kirche und die öffentlichen Angelegenheiten dieser traurige Zustand anhält.“ Anläßlich der Verkündigung des außerordentlichen Jubeljahrs von 1886 beschloß der Papst, dieses Jubeljahr unter die Schutzherrschaft Unserer Lieben Frau vom Rosenkranz zu stellen. Das Jubeljahr war noch nicht zu Ende und die Andachten des Rosenkranzmonates hielten noch an, als der Papst am 26. Oktober 1886 an Kardinal Parocchi, seinen Vikar für die Stadt Rom, schrieb, die tägliche Rezitation des Rosenkranzes in allen römischen Pfarreien einführen zu lassen.

Am 15. August 1889 schärfte der Papst, diesmal in einer Enzyklika, aufs neue ein, gegen die Macht des Satans mit unablässigem Gebet bei den himmlischen Mächten Zuflucht zu suchen. Und nachdem er die Titel des Hl. Joseph als Patron der ganzen Kirche auf bewundernswerte Weise hervorgehoben hat, forderte er dazu auf, ihn im Oktober zusammen mit Maria anzuflehen. Das ist der Grund, warum in diesem Monat täglich das Gebet Leos XIII. zum Hl. Joseph nach dem Rosenkranz vor dem Allerheiligsten Sakrament gebetet wird.

Nachdem nun der Papst seit dem 1. September 1883 die wunderbare Wirksamkeit des Rosenkranzgebetes durch diese Anordnungen vermehrt hatte, empfahl er sieben mal nacheinander energisch, ihn zu beten. Am 22. September 1891 änderte er die Methode und stimmte einen noch erhabeneren Ton an, indem er in einer Enzyklika den Rosenkranz selbst betrachtete. Er analysierte diese Andacht zu Maria lehramtlich und enthüllte das Geheimnis ihres unvergleichlich hohen Wertes. Er zeigte, wie Maria die Mittlerin in der Heilsordnung ist. Wir müssen also unsere Gebete vertrauensvoll an sie richten und den Rosenkranz  vor allen anderen Mariengebeten bevorzugen. Er besteht aus wunderbaren Betrachtungen und Gebeten, und nichts kann der Jungfrau Maria angenehmer sein, nichts heilsamer für unsere Seelen.

In den folgenden Jahren erschienen beim Herannahen des Monats Oktober immer wieder große Enzykliken über den Rosenkranz. Diejenige vom 7. September 1892 führte im ersten Teil die Unterweisung der vorangegangenen weiter aus, doch dann entwickelte sie den Gedanken vom Rosenkranz als Arznei gegen die Verderbnis der Welt, da er ein leichtes Mittel sei, die Geister von den wichtigen Dogmen des christlichen Glaubens durchdringen zu lassen.

Alle Enzykliken über den Rosenkranz folgten diesem Leitfaden, außer derjenigen von 1895, die einen anderen Gesichtpunkt des Rosenkranzes beleuchtet, nämlich daß er ein Mittel sei, die spirituelle Einheit der Seelen zu verwirklichen.

Leo XIII. schrieb seine letzte Enzyklika über den Rosenkranz im Jahr 1898. Er verkündete darin, er werde sein Werk mit einem erhabenen Dokument krönen, einer Konstitution über die Rechte und Privilegien der Rosenkranzbruderschaften. Dieser apostolischen Konstitution vom 2. Oktober 1898 folgte am 30. August 1899 ein amtliches Verzeichnis  der Rosenkranzablässe. Sein marianisches Werk war vollendet, und Papst Leo XIII. gab am 20. Juli 1903 dem Herrn seine Seele zurück.

Mai - Juni 2003: Enzyklika von Papst Pius XII Ingruentium Malorum über das Rosenkranzgebet 

12. Aber vor allem im Herzen der Familie möge nach Unserem Wunsch der Brauch des Heiligen Rosenkranzes überall und immer inniger gepflegt und in Frömmigkeit bewahrt werden. Vergeblich sucht man nach einem Heilmittel für die Erschütterungen des bürgerlichen Lebens, wenn die Familie, Prinzip und Fundament der menschlichen Gemeinschaft, nicht nach dem Vorbild des Evangeliums gestaltet wird.

13. Damit diese schwierige Pflicht erfüllt werde, versichern Wir, daß der Brauch des Rosenkranzgebets in der Familie ein höchst wirksames Hilfsmittel ist. Welch schönen und dem Herrn so gefälligen  Anblick bietet ein christliches Heim, das abends vom wiederholten Lobpreis  zu Ehren der erhabenen Königin des Himmels erfüllt ist! Wenn der Rosenkranz Eltern und Kinder nach vollbrachtem Tagewerk in wunderbarer Eintracht der Herzen vor dem Bild der Muttergottes vereint. Er vereint sie in Andacht mit den Abwesenden und den Toten. Er verbindet alle enger in Liebe zur Allerseligsten Jungfrau Maria, die wie eine liebevolle Mutter im Kreise ihrer Kinder die Gnaden der Eintracht und des Familienfriedens in Überfülle verschenkt.

14. Dann wird das Heim der christlichen Familie wie in Nazareth zum irdischen Wohnsitz der Heiligkeit und zu einem Tempel, in dem der Heilige Rosenkranz nicht nur ein besonderes Gebet ist, das täglich wie Weihrauch zum Himmel steigt, sondern auch die beste Schule christlicher Zucht und Tugend. Dieses betrachtende Gebet der göttlichen Erlösungsgeheimnisse wird die Erwachsenen lehren, nach dem wunderbaren Vorbild Jesu und Marias zu leben und daraus Trost in Widrigkeiten zu empfangen, um dem himmlischen Schatz näherzukommen, „den kein Dieb findet und den nicht die Motten fressen.“ (Lk 12, 33). Diese Betrachtung bringt den Kleinen die Hauptwahrheiten des christlichen Glaubens nahe, indem sie in ihren unschuldigen Herzen wie von selbst die Liebe zum Erlöser aufblühen läßt, und wenn sie sehen, wie ihre Eltern vor der göttlichen Majestät knien, dann begreifen sie schon im zartesten Alter, welch hohen Wert es hat, wenn vor dem Throne Gottes gemeinsam gebetet wird.

15. Wir zögern nicht, wieder öffentlich zu versichern, daß Wir großes Vertrauen auf den Heiligen Rosenkranz setzen: er ist eine Arznei gegen die Übel unserer Zeit. Nicht mit Gewalt, nicht mit Waffen, nicht mit Menschkraft, sondern mit göttlicher Hilfe, welche dieses Gebet erfleht, das stark ist wie Davids Schleuder, wird die Kirche unerschrocken dem höllischen Feind die Stirn bieten können, indem sie die Worte des jungen Hirten wiederholt: “Du kommst zu mir mit Schwert, Speer und Wurfspeer, ich aber komme zu dir im Namen der Herrn der Heere, des Gottes der Heere Israels... Alle, die hier versammelt sind, sollen erkennen, daß der Herr den Sieg nicht durch Schwert und Speer verleiht; denn diesen Krieg führt der Herr, und er wird euch in unsere Gewalt geben.“ (1 Sam 17, 45-47).

März - April 2003: Die Schlacht von Lépanto und die Geschichte der Rosenkranzandacht

Das 16. Jahrhundert ist von der Expansion des osmanischen Reiches geprägt. Die Türken erobern zuerst das ganze Mittelmeer, Nordafrika, den Nahen Osten, das Baltikum, und bedrohen Westeuropa. 1521 nehmen sie Belgrad, und im darauffolgenden Jahr Rhodos, dann dringen sie in Ungarn ein und belagern 1529 Wien. Nachdem sie dort mit knapper Not abgewehrt werden und vor Malta scheitern, ziehen sie sich auf die venezianische Kolonie Zypern zurück.

Trotz der türkischen Bedrohung fällt es Europa schwer, vereint vorzugehen. Frankreich unterhält sogar freundliche Beziehungen zu Konstantinopel. Vor diesem ungünstigen Hintergrund bemüht sich der Hl. Papst Pius V. mit Geduld und Ausdauer, die europäischen Reiche in einer Koalition gegen die Türken zu vereinigen. Schließlich gelingt es ihm, eine Allianz mit Spanien, Venedig und Malta ins Leben zu rufen. Im Mai 1571 verkündet Pius V. in der Peterskirche feierlich die Verfassung der Heiligen Liga. Eine beeindruckende Flotte ist aufgestellt, unter der Führung des Don Juan d’Austria, Bruder von König Philipp II. von Spanien. Um für die Flotte den Schutz des Himmels zu erflehen, ordnet Pius V. ein feierliches Jubiläum, Fasten, und öffentliches Rosenkranzgebet an.

Die entscheidende Schlacht findet am 7. Oktober 1571 in der Bucht von Lepanto statt, am Ausgang der Meerenge von Korinth. 213 spanische und venezianische Galeeren auf der einen Seite und an die 300 türkische Schiffe auf der anderen stehen sich gegenüber. Ungefähr hunderttausend Männer hier, genauso viele dort. Dank der schweren Schiffsartillerie erringt die christliche Flotte einen vollständigen Sieg. Fast alle feindlichen Galeeren werden erbeutet oder versenkt. Ali Pascha, der türkische Oberbefehlshaber, wird gefangengenommen und enthauptet. Fünfzehntausend christliche Gefangene werden befreit. Ein Drittel der türkischen Flotte wird in die Flucht geschlagen und damit die Legende von der Unbesiegbarkeit ihrer Flotte ausradiert.

Am Abend der Schlacht, erhebt sich Papst Pius V. unvermittelt von seinem Schreibtisch, geht zum Fenster, und scheint sich dort in den Anblick eines Schauspiels zu versenken. Dann dreht er sich um und sagt zu den Prälaten in der Runde: „Danken wir dem Herrn: unsere Armee hat gesiegt.“ Es war der 7. Oktober, kurz vor 5 Uhr abends, zur selben Stunde, als der siegreiche Don Juan an der Spitze seines Schlachtschiffs niederkniete, um Gott für seinen Schutz zu danken. Die Nachricht vom Sieg sollte erst 19 Tage später, am 26 Oktober in Rom ankommen und die Vision des Heiligen Papstes bestätigen.

Zum Gedächtnis an die Schlacht von Lepanto ergänzte Pius V. die Lauretanische Litanei mit dem Zusatz: „Du Hilfe der Christen, bitte für uns!“ und verordnete ein Dankfest als „Gedächtnis Unserer Lieben Frau vom Siege“ an; sein Nachfolger Gregor XIII. bestimmte, daß das Fest in Zukunft als Rosenkranzfest am ersten Sonntag im Oktober in allen Kirchen gefeiert werde.

In den Herzen der katholischen Gläubigen wurde der Sieg von Lepanto zu einer der reichsten Quellen der Rosenkranzandacht und vieler Bruderschaften. Der grandiose Seesieg bezeichnet einen wichtigen Tag in der Geschichte der Marienverehrung.

Januar - Februar 2003 : Das Ave Maria

Wenn jemand uns fragen würde: "Welches Gebet kommt von Gott?" würden wir in der Regel erwidern: das Vaterunser. Aber das Ave Maria hat in der Tat den gleichen Ursprung, obwohl das Vaterunser unmittelbar von Gott, von den Lippen unseres Herrn Jesus Christus, während das Ave Maria mittelbar von Gott empfangen wurde: vom Erzengel Gabriel nämlich, der die Ankündigung von der Allerheiligsten Dreifaltigkeit brachte und von der Hl. Elisabeth, die die Selige Jungfrau auf Eingebung des Heiligen Geistes begrüßte.

Die Worte des Erzengels Gabriel beginnen: "Gegrüßet seist du voll der Gnade, der Herr ist mit dir, du bist gebenedeit unter den Frauen". Die Worte der Hl. Elisabeth beginnen: "Gebenedeit bist du unter den Frauen und gebenedeit ist die Frucht deines Leibes." Sie fährt dann fort: "Und woher geschieht mir dies, daß die Mutter meines Herrn zu mir kommt?" Wenn wir diese Grüße mit unserem Gebet "Ave Maria" vergleichen, sehen wir, daß die Namen Jesus und Maria in unserem Gebet hinzukommen, daß die Segnung "gebenedeit bist du unter den Frauen" auf Gottes Eingebung in beiden Grüßen vorkommt, und daß die Worte "Mutter des Herrn" in unserem Gebet zu der Ansprache "Mutter Gottes" wird. In der Hl. Schrift bezeichnet natürlich das Wort "Herr" Gott selbst.

Das Gebet Ave Maria stammt also von zwei von Gott empfangenen Grüßen, die die Menschwerdung ankündigen. Daher verherrlicht dieses Gebet im unbegrenzten Maße die Heilige Jungfrau, unseren Herrn Jesus Christus, und die Allerheiligste Dreifaltigkeit.

Betrachten wir jetzt kurz vier Teile des Gebetes: die beiden Ansprachen ("Gegrüßet seist du Maria" und "Mutter Gottes"), die Gnadenfülle Mariens, und die Bitte am Ende des Gebetes.

Zur Ansprache "Gegrüßet seist du Maria" zitiert der Hl. Ludwig Maria von Montfort in seinem Werk "Der Heilige Rosenkranz" ein Gesicht der Hl. Mechtildis, in dem die Selige Jungfrau ihr diese Worte mitzuteilen schien: – "Durch das Wort Ave" das der umgekehrte Name "Eva" ist, erfuhr ich, daß Gott durch Seine Allmacht mich von der Sünde und von allem Elend bewahrt hatte, dem das erste Weib unterworfen wurde. Der Name "Maria", der "Frau des Lichtes" bedeutet, versinnbildlicht, daß Gott mich wie einen leuchtenden Stern mit Weisheit und Licht erfüllt hat, um Himmel und Erde zu erleuchten.

Zur Ansprache "Mutter Gottes", die schon in den Worten der Hl. Elisabeth enthalten ist, läßt sich sagen, daß dieser Titel im Konzil von Ephesus (431) dogmatisch verkündet wurde. Dieses Konzil verurteilte die Häresie des Nestorius, des Patriarchen von Konstantinopel. Die Nestorianische Häresie besagt, daß die beiden Naturen Christi, die göttliche und die menschliche Natur, zu zwei Personen gehörten, einer göttlichen und einer menschlichen Person, die in Christus geeint seien. Die Heilige Jungfrau sei Mutter lediglich der menschlichen Person. Die Wahrheit hingegen ist, daß die beiden Naturen Christi, die göttliche und die menschliche Natur, zu einer Person gehören, die nämlich die göttliche Person, die zweite Person der Allerheiligsten Dreifaltigkeit, der Sohn, ist. Da die Heilige Jungfrau die Mutter dieser göttliche Person ist, ist sie wahrhaftig Mutter Gottes.

Jetzt zur Gnadenfülle Mariens. Die Gnadenfülle Mariens ist nun auf ihre Gottesmutterschaft zurückzuführen: sie ist voll der Gnade, weil der Herr mit ihr ist; sie ist gebenedeit unter den Frauen, weil die Frucht ihres Leibes gebenedeit ist. Der Heilige Thomas erklärt, daß sie die Fülle der Gnade besitzt, weil sie dem Prinzip der Gnade, nämlich Christus, am nächsten steht. Diese Gnadenfülle übertrifft daher das Gnadenmaß der höchsten Engel und Heiligen, und darf also (wie im Gesicht der Hl. Mechtildis) tatsächlich einem leuchtenden Stern verglichen werden, der Himmel und Erde erleuchtet.

Schließen wir also jetzt mit der Schlußbitte des Gebetes Ave Maria, indem wir in den Worten des Hl. Ludwig Maria von Montfort beten: "Bitte für uns jetzt, in der Zeit dieses vergänglichen und elenden Lebens; jetzt, denn wir besitzen mit Sicherheit nur diesen gegenwärtigen Augenblick; jetzt, da wir Tag und Nacht von mächtigen und grausamen Feinden angegriffen und umgeben sind. Und in der Stunde unseres Todes, in dieser so schrecklichen und gefährlichen Stunde, wo unsere Kräfte erschöpft, Geist und Körper durch Angst und Schmerz niedergedrückt sein werden; in der Todesstunde, wo Satan seine Kräfte verdoppelt, um uns für ewig zu verderben, in jener Stunde, welche entscheidend sein wird: Himmel oder Hölle in alle Ewigkeit. Komme deinen armen Kindern zu Hilfe… begleite uns zum Richterstuhl unseres Richters, deines Sohnes, lege Fürsprache für uns ein, daß Er uns verzeihe und uns unter die Zahl deiner Auserwählten, in den Wohnsitz der ewigen Glorie aufnehme. Amen."

November - Dezember 2002: Die Geschichte des Rosenkranzes

I. Die Ursprünge des Rosenkranzes: vom Psalmengebet zum Ave Maria

Wenn man verstehen will, wie sich die Rosenkranzandacht herausgebildet hat, muß man sich vor allem eine andere, viel ältere Frömmigkeitsform vor Augen halten: die Rezitation der Psalmen. Seit den ersten Anfängen des Christentums war das Psalmengebet das wichtigste Gebet, sowohl für die Gemeinschaft als auch für den Einzelnen. Der Psalter besteht aus 150 Psalmen, und wurde – wahrscheinlich von Origenes (+ 254 A.D.) – in drei gleichgroße Teile von jeweils 50 Psalmen aufgeteilt. Diese Einteilung war eine Huldigung an die Göttliche Dreifaltigkeit, schrieb der hl. Hilarius von Poitiers (+ 367 A.D.) hundert Jahre später. Für das Psalmengebet wird dieses Zahlenverhältnis zwar nicht aufrechterhalten, wird jedoch hier und dort weiterhin beachtet. Zum Beispiel werden in den Mönchsorden beim Tode eines Mitglieds die heiligen Messen der Priester vom Psalmengebet der einfachen Brüder begleitet, die für ihren verstorbenen Mitbruder 50 Psalmen aufopfern.
150 Psalmen, drei Reihen von je 50: dies ist der frühe Ursprung des Rosenkranzes – 150 Ave Marias, wobei die Geheimnisse jeweils 5 “Gesetzchen” umfassen.

Der Übergang von der Rezitation der Psalmen zum wiederholenden Beten eines einzigen Gebets erfolgte einige Zeit später, als Laienbrüder, denen es an Unterweisung fehlte, einfacherer Gebetsformen bedurften. Manche empfahlen, sie sollten einen einzelnen Vers  2606mal rezitieren (das ist Summe aller Verse aller 150 Psalmen), denselben Psalm 150mal beten, oder jeden Psalm mit einem Vaterunser ersetzen. Im zwölften und dreizehnten Jahrhundert verschmolz die Marienfrömmigkeit mit dem Ave Maria, das man jetzt unbedingt auswendig kennen mußte. Damals bestand es aus den Grüßen des hl. Erzengels Gabriel und der hl. Elisabeth, während der Name Jesu durch Papst Urban IV. gegen 1263 hinzugefügt wurde.

Dank dem Einfluß der Zisterzienser, die es dem Volk nahebrachten, wurde das Ave Maria eine häufige Anrufung, die zusammen mit dem Vaterunser oder sogar statt dessen gebetet wurde. Ähnlich wie der Psalter wurde das Ave Maria anfänglich 50mal hintereinander gebetet, und – um der Gefahr bloß mechanischer Rezitation vorzubeugen – wie die Psalmen mit Marienantiphonen geschmückt.

So wurde aus dem Rosenkranz das „Psalmengebet Unserer Lieben Frau“, und in Frankreich nennt man ihn auch „chapelet“ (vom französischen Wort chapeau für Hut), womit man auf die Blumenkränze anspielte, mit denen Bilder der Muttergottes bedacht wurden.


II. Die Heilsgeheimnisse

Das Gerüst des Rosenkranzes war errichtet, und von diesem Gerüst erfuhr jene Betrachtung Halt und Anregung, die sich auf die Heilstaten Christi richtete.

Das Leben Jesu war natürlich schon lange vor Einführung des Rosenkranzes Gegenstand der Betrachtung gewesen: bereits im dritten Jahrhundert verknüpften Tertullian und der hl. Cyprian die Horen des göttlichen Offiziums mit dem Andenken der verschiedenen Stadien der Passion Christi. Im Mittelalter entwickelte sich dieser Brauch und fand seinen Höhepunkt in den Predigten des hl. Bernhard von Clairvaux (+ 1153 A.D.) über das Hohelied der Liebe, und diese Ansprachen bildeten die Grundlage für Betrachtungen des Lebens Jesu, der Verkündigung, und der Begegnung des auferstandenen Heilands mit der hl. Magdalena. Aber es war der hl. Aldred von Rielvaux (+ 1167 A.D.), der in seinem Werk „Leben eines Einsiedlers“ als Erster eine systematische Betrachtung anstellte, und damit der Methode des hl. Kartäusers Rudolph von Sachsen und des hl. Ignatius von Loyola vorgriff. In diesem Zusammenhang bildete das Ave Maria, das damals mit einem Lobpreis der Leibesfrucht Mariens endete – die Betrachtung des Lebens des Gottessohnes, der in der Jungfrau Fleisch annahm und von ihr geboren wurde.

Soviel wir wissen, war es gegen 1300, als eine Reihe von Ave Marias zusammen mit einer Betrachtung der Frucht der Fleischwerdung systematisch gebetet wurde: im Zisterzienserkloster St. Thomas zu Kyll in der Gegend von Trier. Das Mariengebet wurde 100mal rezitiert, jedesmal gefolgt von einem Satz, der dazu anregen sollte, eines der Heilsgeheimnisse Christi zu betrachten: „Gegrüßest seist du Maria... und gebenedeit ist die Frucht deines Leibes, Jesus, …weil Er uns nach Seinem Ebenbild erschaffen hat... weil Er dich von Ewigkeit her dazu ausersehen hat, Seine Mutter zu sein....“

Ein Jahrhundert später versichert Dominikus von Preußen (+ 1460 A.D.) vom Kartäuserkloster St. Alban in Trier in seiner Biographie, er sei der Erste gewesen, der die Betrachtungspunkte während des Rosenkranzes mitbetete. Er ist zumindest derjenige gewesen, der die Idee hatte, die Rezitation des Rosenkranzes systematisch mit der Betrachtung des Lebens Jesu zu verknüpfen, indem er das Gebet in fünfzig Teile gliederte und einen kurzen Text herausgab, der jedem Ave Maria folgen sollte. Er dehnte diese Methode auf den ganzen Marienpsalter aus und stellte drei Reihen von 50 Sätzen zusammen, welche die Kindheit, das öffentliche Leben und das Leiden unseres Herrn zum Inhalt hatten. Damit war der zweifältige Grundsatz des Rosenkranzes aufgestellt: er ist ein Mariengebet mit Christus im Mittelpunkt.


III. Spätere Entwicklungen

Im 14. Jahrhundert und während der darauffolgenden Jahrhunderte erfuhr der Rosenkranz verschiedene Änderungen und Zusätze, wobei mehr die Gestalt als der Grundsatz dieses Gebetes berührt wurde.

Die Aufteilung des Rosenkranzes in 10 „Gesetzchen“, zwischen denen jeweils das Vaterunser gebetet wurde, war der Beitrag von Heinrich Egher von Kalkar (+ 1408 A.D.) eines Kartäusers aus Köln,

Ende des 15. Jh. traten die ersten Rosenkranzbruderschaften auf, deren erste 1475 in Köln gegründet wurde. Für die Dominikaner wurden sie das Werkzeug, mit dem sie den Rosenkranz in der ganzen Christenheit verbreiten sollten. Gleichzeitig wurden die vielen Betrachtungen – oder „Geheimnisse“ des Lebens Christi – auf fünfzehn festgesetzt: die freudenreichen, die schmerzhaften und die glorreichen Geheimnisse.

Unter dem Einfluß der Volksfrömmigkeit wurde das Ave Maria zu einem Bittgebet erweitert und umgestaltet. In der Zeit des hl. Petrus Canisius (1521-1597) breitete sich die Anrufung „Heilige Maria, Mutter Gottes, bitte für uns Sünder“ immer mehr aus. Wir finden noch andere Zusätze: „jetzt und in der Stunde unseres Todes“ (5. Jh.). Das Ave Maria erhielt seine endgültige Gestalt, als es der hl. Pius V.  in das Brevier von 1568 aufnahm.

Seinen Missionsmethoden gemäß betete der hl. Maria Grignon von Monfort (1673-1716) das Credo, das Vaterunser und drei Ave Marias, bevor er mit dem eigentlichen Rosenkranz begann.

Am 13. Juli 1917 erschien die Muttergottes in Fatima und äußerte die Bitte, nach jedem „Gesetzchen“ zu beten: „O mein Jesus, verzeih uns unsere Sünden, bewahre uns vor dem Feuer der Hölle, und führe alle Seelen in den Himmel, besonders jene, die deiner Barmherzigkeit am meisten bedürfen.“

Schließlich rief der jetzige Heilige Vater ein Marienjahr aus, das vom Oktober 2002 bis zum Oktober 2003 dauert, und schlug sodann fünf neue „Gesetzchen“ vor, in deren Mitte ganz das öffentliche Jesu steht – es sind die Leuchtenden Geheimnisse: die Taufe unseres Herrn, das Wunder auf der Hochzeit zu Kana, die Verkündigung des Reiches Gottes, die Verklärung, und die Einsetzung der Heiligen Eucharistie.